|
Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert.
"Wer
es verdient, stirbt auch"
Die
Grenzstadt Ciudad Juárez ist die Front im Krieg von Regierung und
Armee gegen die Drogenkartelle. Ein Besuch in der gewalttätigsten
Stadt der Welt.
Von
Mathieu von Rohr, DER SPIEGEL, 14.9.2009
Die Sonne brennt
vom Himmel, als sie Elizabeth Padilla beerdigen, auf dem Friedhof
"Gärten der Ewigkeit". Sie liegt unter einer Glasscheibe,
das hübsche Gesicht ein letztes Mal geschminkt.
Mein Schatz,
öffne die Augen, weint die Mutter, ich will dir noch etwas sagen.
Prinzessin, ruft die Schwester, nie werde ich vergessen, wie du
getanzt und gesungen hast. "Warum dich", schreit die
Mutter, "du warst doch so gut."
Elizabeth
Padilla, 29 Jahre alt, Polizistin seit acht Monaten, starb, als sie
an einem Mittwoch in ihrem dunklen Plymouth zum Dienst fuhr, kurz vor
halb zwei Uhr nachmittags. Ihre Mörder feuerten sechs Kugeln ab,
neun Millimeter, sie trafen ihren rechten Arm und ihren Kopf.
Sie war eine von
14, die starben an jenem Tag in Ciudad Juárez, Bundesstaat
Chihuahua, Mexiko. Ein normaler Tag.
Bevor der weiße
Holzsarg in einen Betonschacht verladen wird, tritt ihre Einheit ein
letztes Mal an, im Chor schreien sie: "Elizabeth Padilla,
anwesend!" Ihr Bruder, Polizist auch er, sagt, in diesem Land
gebe es keine Gerechtigkeit. Aber er werde Gerechtigkeit üben.
Zum Abschied
heulen nur noch die Sirenen der Streifenwagen.
Es herrscht Krieg
in Ciudad Juárez, einer Grenzstadt im Norden Mexikos - ein Krieg der
Regierung gegen die Drogenkartelle, ein Krieg der Drogenkartelle
untereinander. 1500 Menschen sind hier allein in diesem Jahr ermordet
worden. Anderthalb Millionen Einwohner hat die Stadt, sie gilt als
die gewalttätigste der Welt.
Ciudad Juárez
ist zu einem Symbol geworden für den Kampf, den der mexikanische
Präsident Felipe
Calderón
gegen die Drogenkartelle führt. Vielleicht auch dafür, dass er ihn
verliert.
Vor knapp drei
Jahren, nach seinem Amtsantritt, versprach er, die mexikanischen
Kartelle zu besiegen. Sie sind die mächtigsten der Welt, seit die
kolumbianische Mafia in den Neunzigern ihren Einfluss einbüßte. Sie
liefern Kokain, Marihuana, Methamphetamine für den größten
Drogenmarkt der Welt, die USA. Es sind Multimilliarden-Unternehmen.
Der Boss des Kartells von Sinaloa, Joaquín Guzmán, "El Chapo",
steht in diesem Jahr auf Platz 701 der "Forbes"-Liste der
reichsten Menschen der Welt, mit einem geschätzten Vermögen von
einer Milliarde Dollar.
Die "Narcos",
die Drogenbarone, waren immer eng verflochten mit der Politik. Ihre
Geschäftspartner sind Gouverneure, Bürgermeister, Polizeichefs, auf
ihrer Gehaltsliste stehen Polizisten, Beamte, Journalisten. Der
Präsident kann niemandem trauen, deswegen führt er diesen Krieg mit
der Armee. Er entsandte 45.000 Soldaten und Bundespolizisten ins
ganze Land.
Die Armee
verhaftet Drogenbosse, Bürgermeister, sie vernichtet Labore und
Lager, und die Kartelle haben begonnen, sich untereinander zu
bekämpfen. Seither ist Mexiko ein Land, in dem Gewalt herrscht. Mehr
als 13.000 Menschen sind umgekommen, jeden Tag stehen in den
Zeitungen Berichte von Entführungen, von Massakern, zerstückelten
Leichen.
Das ist die Welt,
in der Luz Sosa lebt und aus der sie berichtet. Sie ist
Polizeireporterin der Zeitung "El Diario" in Ciudad Juárez,
eine kleine schlanke Frau, 39 Jahre alt. Aus ihrem scharf
geschnittenen Gesicht ist die Jugend schon gewichen, etwas Hartes hat
darin Platz genommen.
Als sie ihre
Schicht um acht Uhr früh beginnt, ist der erste Tote des Tages schon
gemeldet worden, der Chef einer Sicherheitsfirma, die Restaurants
bewacht. Er war aufgefunden worden in einem Hummer, durchlöchert mit
einer AK-47.
Sie ist seit 14
Jahren Reporterin, erzählt Luz Sosa, und Gewalt habe es schon immer
gegeben in Ciudad Juárez. Es gab eine Zeit, da war die Stadt
berüchtigt wegen einer geheimnisvollen Serie von brutalen
Frauenmorden, aber solche Nachrichten wie jetzt, sagt sie, die gab es
noch nie.
Da, in der Bar
Seven & Seven, acht Tote neulich. Dort, an der Ecke, der
Gefängnisdirektor. Auf diesem Parkplatz ein Soldat. Ein Mann im
S-Mart da drüben. Und auf der rechten Seite, im Onix Nightclub, da
haben sie drei erschossen.
Sie fährt durch
ihre Stadt wie eine Fremdenführerin, die ihre Tour zu oft absolviert
hat, sie zählt die Toten beiläufig auf im Vorbeifahren. Sie sagt:
"Manchmal heule ich abends, manchmal trinke ich ein Bier, aber
wenn ich jeden Toten an mich herankommen lassen würde, wäre ich
längst kaputt."
Es sind
rivalisierende Gangs, die sich bekriegen, im Auftrag von
Drogenkartellen. Das einst mächtige Kartell von Juárez verteidigt
sein Gebiet gegen das aufstrebende Kartell von Sinaloa. Es geht um
die Kontrolle einer Stadt, die ideal gelegen ist, um Drogen in die
USA zu transportieren.
Die Stadt, durch
die Luz Sosa und ihr Fotograf an diesem Morgen fahren, liegt in der
staubigen Hitze der Wüste wie ein Geschwür, ein endloses Labyrinth
aus mehrspurigen Straßen, Flachbauten und Werbetransparenten, aus
amerikanischen Fast-Food-Ketten, Supermärkten und klobigen
Maquiladoras, den Fabriken, die Waren für die USA herstellen.
Seit März sind
8000 Soldaten und Bundesagenten stationiert in Juárez, sie
patrouillieren gemeinsam mit der Polizei, stehen in Kampfuniform
schwerbewaffnet auf den Ladeflächen ihrer Pick-ups. Die Armee sollte
das Töten stoppen, und im Mai sah es während einiger Wochen so aus,
als würde ihre Anwesenheit für Ruhe sorgen. Doch die Zahl der Morde
ist heute wieder so hoch wie vor ihrer Ankunft.
"Es gibt
keine Strategie", sagt Luz Sosa.
Als Erstes
erreichen sie an diesem Morgen ein kleines rosafarbenes Haus in einem
Wohngebiet, umstellt von 40 Soldaten mit schweren Waffen, ein
Maschinengewehr ist darauf gerichtet. Es heißt, das Haus könne ein
Versteck sein, vielleicht würden darin Entführte gefangen gehalten;
stumm stehen die Männer da, vielleicht 20 Minuten lang, dann ziehen
sie ab, das Haus war leer. Es ist, als ob sich in diesem kurzen
Moment die ganze Ratlosigkeit einer Armee zeigte, die einen
unsichtbaren Feind jagt.
Rauschend und
piepend, über Polizeifunk und Handy, kommen die Nachrichten von den
neuesten Morden zu Luz Sosa. Gegen Mittag ein Toter in einer
Autowaschanlage, dann ein Toter und ein Verletzter außerhalb der
Stadt bei Kilometer 35 - es ist keine Zeit, überall hinzufahren, um
14.17 Uhr schon der vierte und der fünfte Ermordete, an der Kreuzung
Morelia und Balcón de la Nube. Als sie ankommen, ist die Straße von
der Militärpolizei gesperrt. Ein beiger Chrysler ist an einer
Straßenecke zum Halten gekommen, auf dem Boden neben der
Beifahrertür ein lebloser Körper, auf der Seite, wo der Fahrer saß,
sechs Einschusslöcher im Fenster.
Luz Sosa hat ein
paar Minuten, um den Namen und das Alter der Opfer in Erfahrung zu
bringen, dann muss sie weiter, zum nächsten Tatort. Die meisten
ihrer Artikel erscheinen nicht unter ihrem Namen. Vieles darf sie
nicht schreiben. Die Zeitung hat das so entschieden, um sie zu
schützen. Das war, nachdem im vergangenen November ihr Kollege
Armando Rodríguez ermordet wurde. Vielleicht hatte er etwas Falsches
geschrieben, sich mit den falschen Leuten eingelassen, man weiß es
nicht.
Luz Sosas Arbeit
ist gefährlich, weil sie beide Seiten kennen muss, die Polizei, die
Banden, sie arbeitet zwischen den Fronten. Es gibt Leute, etwa im
Rathaus, die meinen, Luz Sosa sei zu leidenschaftlich, sie müsse
aufpassen, sonst werde es schlimm enden. "Das sagen mir alle",
sagt sie nur.
In ihrem winzigen
Abteil im Großraumbüro der Redaktion hat sie Fundstücke von den
Tatorten ausgelegt, sie sammelt sie, als würden sie etwas beweisen:
Patronenhülsen, Absperrband, blutbeschmierte Steine. Sie sagt, dass
sie in einer Stadt lebe, in der ein Junge mit 17 zum Drogensüchtigen
werde und mit 20 zum Sicario, zum Mörder; in einer Stadt, in der für
einen Auftragsmord 1000 Pesos, 50 Euro, versprochen, aber meist
weniger ausbezahlt werden.
Es ist eine
Stadt, in der jeder Ermittler 150 Fälle bearbeiten muss und in der
die meisten Verbrechen unaufgeklärt bleiben. Nur manchmal
präsentiert die Armee der Öffentlichkeit jetzt wie aus dem Nichts
geständige Täter, ohne dass es Beweise gibt, gerade neulich drei
Männer, die für 211 Morde verantwortlich seien. Luz Sosa lacht. Sie
glaubt, dass so nur die Aufklärungsquote frisiert werden soll.
Es ist schwierig,
in Ciudad Juárez zu wissen, was richtig ist und was falsch, wer gut
ist und wer böse. Neulich beklagte sich das Kartell von Juárez in
einer "Narcomanta", einer dieser Botschaften an die
Öffentlichkeit, oft in falscher Rechtschreibung auf Leintücher
gesprayt, dass die Armee in Wahrheit für die Konkurrenz arbeite, das
Kartell von Sinaloa.
Am Ende dieses
Tages sitzt Luz Sosa in der Pocket Billiards Bar und hat ein großes
Bier vor sich. Sie arbeitet zu viel, sie schreibt sechs Artikel pro
Tag und schläft nur sechs Stunden pro Nacht. Heute waren es elf
Tote.
Was ist ihre
Lösung? "Keine. Halt, doch, die Atombombe", sagt sie. "Und
dann schauen, wer übrigbleibt." Sie lacht hart.
Am nächsten
Morgen sitzt der Bürgermeister von Ciudad Juárez vor dem Restaurant
Fratello's und trinkt seinen Frühstückskaffee. Er heißt José
Reyes Ferriz, ein dicker kleiner Mann mit gerötetem Kopf, er trägt
eine passende Krawatte zu seinem hellbraunen Anzug.
Seine sechs
Leibwächter haben das Lokal umstellt, vor dem Eingang steht sein
gepanzerter Chevrolet Suburban. Er ist einer der bekanntesten
Politiker des Landes im Kampf gegen die Drogenkartelle, gewissermaßen
der lokale Stellvertreter in Präsident Calderóns Strategie.
Er grinst
trotzdem fröhlich. Er sagt: "Was in meiner Stadt los ist, stand
nicht in der Jobbeschreibung." Von einer unmöglichen Aufgabe
wolle er nicht sprechen, natürlich aber von einer schwierigen, doch
man sei auf dem richtigen Weg.
Seine Stadt,
erklärt er, befinde sich in einer großen Krise, zum einen
wirtschaftlich, sie hätten wegen der Rezession in den USA ein
Viertel aller Industriejobs verloren, und dann sei da natürlich "die
Sicherheitskrise, die schlimmste, die unser Land je gesehen hat".
Schon sein Vater
war Bürgermeister, und wenn José Reyes Ferriz vom Juárez seiner
Kindheit spricht, klingt es ein wenig wie eine glückliche Episode
der Mafiaserie "The Sopranos". "Natürlich gab es die
Kartelle auch damals schon", sagt er, "aber sie waren
lokal, und alles, was sie taten, war, Drogen in die USA zu
transportieren. Wenn es Morde gab, dann so, dass es keiner mitbekam.
Einer der großen Bandenbosse war unser Metzger, und meine Eltern
sind mit uns Kindern immer zu ihm gefahren, um Kutteltacos zu essen.
Eines Tages sahen wir ihn plötzlich im Fernsehen, verhaftet von den
Bundesbehörden als Anführer des Kartells von Juárez."
Diese geradezu
harmlosen Zeiten endeten, sagt Reyes, als die Gangs anfingen, auch in
der Stadt Drogen zu verkaufen, zu Beginn der Neunziger. Im späten
Dezember 2007, kurz nach seinem Amtsantritt, brach dann der Krieg los
zwischen dem Kartell von Juárez und dem Kartell von Sinaloa, eine
Folge der Offensive der Regierungstruppen. "Als Erstes töteten
sie den Polizeichef eines Distrikts, dann den Chef der
Polizeioperationen, die Lage geriet völlig außer Kontrolle, bis der
Gouverneur und ich im März nach der Armee riefen. Sie kam, und sie
war sehr erfolgreich."
Er muss los, ein
Termin, er steigt in den Fond seines SUV, er rollt leise, begleitet
von den Wagen seiner Leibwächter, und der Bürgermeister schaut,
während er spricht, durch schusssichere Scheiben auf die Straßen
seiner Stadt.
Er erzählt eine
Erfolgsgeschichte, er spricht davon, wie die Armee dank
Geheimdienstinformationen die richtigen Ziele traf, wie sie die
Drogenverkäufe in Juárez eindämmte, wie die Banden anfangen
mussten, andere Verdienstquellen zu erschließen. "Sie fingen
an, Banken auszurauben, also haben wir das mit der Polizei gestoppt.
Sie fingen an, Geldautomaten zu stehlen, also konzentrierten wir die
Geldautomaten an einem Ort. Sie fingen an, Läden auszurauben, wir
schickten Zivilbeamte los und verteilten Alarmknöpfe. Dann begannen
sie, Schutzgelder zu erpressen und Menschen zu entführen."
Es war der
Zufall, der José Reyes Ferriz zum Politiker werden ließ und ihn ins
Zentrum eines Krieges beförderte. Er müsste das alles nicht machen.
Er hat in den USA studiert, spricht perfektes Englisch, verfügt über
ein kalifornisches Anwaltspatent. Eigentlich ist er
Universitätsprofessor für internationales Handelsrecht,
Wissenschaftler also, und manchmal wirkt er, als sei auch die Krise
seiner Stadt für ihn ein Problem, das sich mit den Methoden der
Wissenschaft lösen lässt.
Er hat viele
Zahlen im Kopf, auch die künden von Erfolgen: Zum Beispiel habe ihm
Janet Napolitano, die US-Heimatschutzministerin, neulich gesagt, nur
noch 60 Prozent des Kokains würden jetzt über Mexiko kommen, nicht
mehr 90 Prozent.
Aber hat dafür
nicht die Unsicherheit im ganzen Land massiv zugenommen? "Es
geht nicht ohne Preis", sagt er.
Ist nicht die
Zahl der Toten in seiner Stadt noch immer genau gleich hoch?
"Sie ist
gleich, und doch ist es anders", sagt Reyes. Im vergangenen Jahr
seien 95 Prozent der Morde mit Sturmgewehren erfolgt, jetzt zu 90
Prozent mit Pistolen. In der Nähe des Cafés, wo er gefrühstückt
habe, sei noch vor Monaten ein Feuergefecht mit AK-47 auf offener
Straße ausgetragen worden. So etwas gebe es heute nicht mehr.
Im Prinzip, sagt
der Bürgermeister, hätte die Behörden jetzt die Oberhand, auf
einer strukturellen Ebene, auch wenn sich für die Öffentlichkeit
immer noch alles genau gleich anfühle.
Er hat in diesem
Jahr die Polizei renoviert, darauf ist er stolz. Als er sein Amt
antrat, sagt er, sei die Polizei von den Kartellen gekauft gewesen,
sie habe sich geweigert, ihrer Arbeit nachzukommen. "Der
Polizeichef rief mich an und sagte, meine Leute wollen heute nacht
nicht auf Streife gehen, sie haben Angst. Die Gangster sendeten über
den Polizeifunk Beschimpfungen, spielten Narcolieder und kündigten
an, wen sie töten würden. Wenn die Musik losging, ergriffen meine
Leute die Flucht."
Der Bürgermeister
feuerte den Polizeichef - wenige Wochen später wurde er erwischt,
weil er Drogen über die Grenze schmuggeln wollte. Er entließ die
Hälfte der Polizisten, weil sie als korrupt galten oder
Lügendetektortests nicht bestanden. Er erhöhte die Gehälter von
300 auf 650 Euro pro Monat, ließ sie in Armeecamps an schweren
Waffen ausbilden. Und er verdoppelte das Korps auf über 3000 Mann.
Er glaubt, seine
Polizeikräfte seien jetzt so gut, dass es kein Problem sei, wenn ein
Teil der Armee am 15. September wie geplant abzieht. Natürlich kann
auch er nicht garantieren, dass die neuen Polizisten nicht wieder
korrupt werden. "Aber es wird bestimmt nie mehr wie vorher",
sagt er.
Als sein Wagen
vor der Schule "Federal 1" hält, sichern seine Leibwächter
den Parkplatz, einer hält ein Sturmgewehr unter einer riesigen
Plastikhülle verborgen, das soll beruhigend wirken.
Die Schüler
stehen in braunen Sporttrikots am Rand des neuen Schwimmbads, das der
Bürgermeister heute einweiht, es war einmal seine eigene Schule. Er
hat zwei Botschaften: "Bringt die Schule zu Ende. Und sagt euren
Freunden, dass sie nicht in Banden eintreten sollen."
Er mag mit
Außenministern, mit Armeegenerälen konferieren, doch er ist trotz
allem immer noch Bürgermeister.
Zurück im Schutz
seines Wagens, sagt er, seine Stadt habe eine ganze Generation
verloren. In dieser Stadt hätten immer alle gearbeitet, in den
Fabriken, um die Kinder habe sich niemand gekümmert. So hätten sie
angefangen, Drogen zu nehmen, und seien Gangs beigetreten, das seien
die, die jetzt da draußen erschossen würden. Er lässt nun die
Tagesbetreuung ausbauen, damit das nicht wieder geschieht.
Sein Vorbild ist
Medellín in Kolumbien, eine Stadt, die dank harter
Sicherheitspolitik und Sozialprogramme für die Jugend zurück in die
Normalität fand.
Wenn man ihm
zuhört, klingt alles beherrschbar, für alles sind Lösungen bereit
oder stehen kurz bevor. Manchmal scheint es, als ob zwischen ihm und
seiner Stadt mehr liege als nur Panzerglas.
Von seinem Büro
im obersten Stock des Rathauses kann er El Paso sehen, die texanische
Nachbarstadt. Auf der anderen Seite der Grenze, sagt der
Bürgermeister, liege ein Teil des Problems. Die Drogen, um die in
seiner Stadt gekämpft wird, sind für die USA bestimmt. Auch die
Waffen, mit denen geschossen wird, kommen von dort. Er erzählt von
amerikanischen Sozialhilfeempfängerinnen, die für 100 Dollar
Kalaschnikows über die Grenze schmuggeln.
Er selber, sagt
er, fahre nur ganz selten auf die andere Seite. "Die Opposition
behauptet, ich würde in El Paso leben. Die sagen, der Kerl fährt
über die Brücke zur Arbeit. Aber keiner hat ein Bild von mir in El
Paso." Dafür leben viele seiner Beamten in El Paso, und jeder
Bürger seiner Stadt, der es sich leisten kann. Ist er vielleicht zu
optimistisch? Er schüttelt den Kopf. "Eines Tages werden Sie
zurückkehren", er grinst breit, "und dann sagen: Der Kerl
hat's geschafft."
Im Gefängnis von
Ciudad Juárez lehnt Mauro Adrián Villegas, genannt Blacky, an der
Wand seines Zellenblocks und sagt, etwas laufe schief in dieser
Stadt. "Tote, Tote, noch mehr Tote", sagt er. Das sei nicht
gut.
Blacky ist ein
Anführer der Gang "Los Aztecas", sie erledigt für das
Kartell von Juárez den Drogenschmuggel, den Handel, die Tötungen,
angeblich hat sie 5000 Mitglieder. Blacky, 23, ist ein muskulöser,
dunkler Kerl, er trägt eine Sonnenbrille im brutalen Gesicht, auf
seinen Oberarm sind aztekische Symbole tätowiert.
Schuld sind
seiner Meinung nach die Kartelle von außen, die sich Juárez unter
den Nagel reißen wollen, nicht nur die aus Sinaloa, auch die vom
Golf, sogar die "Familia" aus dem weit entfernten
Michoacán, alle wollten die Stadt als Brückenkopf in die USA, und
ihre Partner seien lokale Gangs wie die "Mexicles" und
"Artistas Asesinos", die Rivalen der "Aztecas".
"Die
Kartelle sagen denen: Ich bringe eine Tonne Marihuana, Kokain, lass
uns zusammenarbeiten. Bringt alle Aztecas um, wir geben euch Autos,
Waffen, Geld." Diese Gangs seien voller kleiner Jungs, sagt
Blacky, 16, 17, 18 Jahre alt. Alles, was die könnten, sei, eine
AK-47 abzufeuern.
"Neulich, in
der Bar Seven & Seven, die gehen rein, fragen gar nicht, wer wer
ist, sondern machen einfach nur bum, bum, bum, alle tot. Wir haben
Herz. Mir brauchst du nicht zu sagen, hier, 10.000 Pesos, töte das
Arschloch. Wenn er es verdient, dann stirbt er auch so."
Was seine Aufgabe
war, bevor er ins Gefängnis kam, will Blacky nicht so genau sagen,
er brach die Schule ab, arbeitete auf dem Bau, bei den Aztecas fand
er eine Familie. Dort habe er "Kommunikation" gemacht, das
heißt, er wusste immer, wer wo war und wer was machte. Getötet habe
er niemanden. Jeder habe andere Talente.
Im Gefängnis
sitzt Blacky wegen Entführung und Raubes, weil er einen Wagen
kaperte, in dem zwei Frauen saßen, sie mit der Waffe bedrohte und
sie zwang, mit ihm durch die Stadt zu fahren. Er sei auf der Flucht
gewesen, fünf Killer hätten ihn gejagt, von den Miststücken habe
er doch gar nichts gewollt. Er habe dann die Richter bestechen
müssen, 250.000 Pesos, damit sie ihm keine 40 Jahre geben, sondern
nur sechs, dafür habe er seine Häuser, Autos, Motorräder verkauft.
Er sagt: "So viel man hat, so viel ist man wert."
Es ist Sonntag,
Besuchstag im Gefängnis. Familien picknicken gemeinsam mit ihren
inhaftierten Vätern, es gibt Körbe voller Essen, auf dem Grill wird
Fleisch geräuchert, eine Band spielt, für die Kinder stehen
Schaukeln bereit. Nicht immer war es hier so friedlich. Im März
massakrierten die Aztecas 20 Mitglieder der Mexicles und Artistas
Asesinos, das war, bevor die Armee einrückte. Seither sind die
Banden in getrennten Trakten untergebracht.
Blacky hatte
offiziell mit dem Massaker nichts zu tun, aber im Mai beklagten sich
gegnerische Banden in einer "Narcomanta", dass ihn
Polizisten beschützten und ihm Waffen ins Gefängnis lieferten.
Alles sei jetzt
ruhig hier, sagt Blacky. Die gegnerischen Banden hätten in ihrem
Trakt sogar Leute entführt und Schutzgelder verlangt, das hätten
sie jetzt alles geändert, zusammen mit dem neuen Direktor. Mit dem
könne man arbeiten, er kümmere sich persönlich um ihre Anliegen,
um Farbe für die Wände, um die Werkstätten.
Der Direktor, ein
fröhlicher dicker Mann, gibt gern zu, dass er den Gefangenen alle
Wünsche erfüllt. "Damit sie sich nicht bei ihren Freunden
draußen beschweren!" Er lacht. Sein Vorgänger wurde
umgebracht. Er sagt, er vermisse seine tropische Heimatstadt
Veracrúz.
Dass die Aztecas
das Gefängnis kontrollieren, ist ein offenes Geheimnis, und Blacky
tut nichts, um den Eindruck zu entkräften, dass er womöglich der
eigentliche Gefängnisdirektor sei. "Weißt du, warum ich hier
der Chef bin?", fragt er. "Mein Wort ist heilig. Ich passe
auf viele Leute auf." Er glaubt, dass er bald freikommt. Das
Problem ist nur, dass da draußen 10.000 Pesos auf seinen Kopf
ausgesetzt sind. Er grinst.
Er zeigt seine
Zelle. Anders als die übrigen Gefangenen schläft er nicht in einem
Sechserschlag, er hat ein Einzelzimmer mit Doppelbett, die Wände rot
gestrichen, er hat Hemdenservice und ein Poster des Mafiafilms
"Scarface". Stolz zeigt er sein Handy und spielt von seiner
Stereoanlage das Lied des Kartells von Juárez ab, in voller
Lautstärke. Jede Nacht habe er hier drin Mädchen, prahlt er, die
von außen hereinzubekommen sei kein Problem.
"Wir nennen
es Cherry Palace." Er legt sich zufrieden auf sein Bett. "Fünf
Sterne." Er sagt, die Aztecas würden den Krieg gewinnen. "Die
anderen werden nicht mit uns fertig. Die bringen sich jetzt
gegenseitig um." Nur wenige Tage später tötet eine Gruppe von
Killern 17 Menschen in einer Drogenentzugsanstalt der Stadt. Die
Polizei berichtet, dass die Opfer Angehörige der Aztecas waren, die
dort untergetaucht waren. Blacky sagt dazu nichts mehr.
Der Krieg geht
weiter, schon im dritten Jahr, und es sieht nicht so aus, als ob
Präsident Calderón ihn gewänne. Seine Partei hat gerade eine
wichtige Parlamentswahl verloren, er steht unter Druck wegen der
Unsicherheit, die das ganze Land ergreift.
Margarita Rosales
sitzt in einem ärmlichen Haus im Süden von Ciudad Juárez an ihrem
Küchentisch. Sie hat Papiere darauf ausgebreitet, es ist der
amtliche Autopsiebericht ihres Sohnes Javier.
Im April war er
plötzlich verschwunden. Nach Tagen meldete sich einer seiner Freunde
und erzählte, Soldaten hätten sie beide verhaftet, als sie
unterwegs waren, sie hätten sie für Aztecas gehalten, wegen Javiers
Drachentattoo. Sie hätten sie zwei Tage lang gefoltert und
schließlich in der Wüste ausgesetzt.
Margarita Rosales
fand ihren Sohn tot, mit eingeschlagenen Zähnen, mit blauen Flecken
am Körper und Spuren von Stromschlägen an seinem Penis. Er trug
Kleidung, die sie noch nie gesehen hatte.
Die nationale
Menschenrechtskommission untersucht nun den Fall, es ist einer von
vielen. Luz Sosa hat ihn an die Öffentlichkeit gebracht, der
Bürgermeister sagt, er habe davon nie gehört. Seit April hat
Margarita Rosales den Autopsiebericht wieder und wieder gelesen und
die Fotos ihres entstellten Jungen angeschaut. Sie sagt, sie habe
gehofft, darin irgendeine Antwort zu finden. Aber es gibt keine.
Zurück |